Canyoningkurs in Dornbirn 25.-26.04.2009 „So ein Mist, meine Arme sind zu kurz“, fluche ich laut, als ich vergeblich versuche, meinen Valdotain zu erreichen. Zappelnd hänge ich im Seil am Brückengeländer über der Kobelache. „Dein Valdi ist zu lang“ ruft es von oben herunter, und bevor ich mir Gedanken über den Wiederaufstieg machen kann, zieht Manfred Fink mich wieder hoch auf festen Boden. Der Valdi wird gekürzt und schnell bilden sich zwei Teams, die den neu geknüpften Knoten beim Tauziehen fest ziehen. Der nächste Abstieg am gespannten Doppelseil verläuft dann problemlos. Anders bei Thomas, unserem Kameramann für diesen Tag. Sein Experiment, mit Valdotain am Einfachseil abzusteigen, endet mit einem lautem Platsch im kalten Wasser. So, das wäre nun auch geklärt: Valdotain und Einfachseil vertragen sich einfach nicht! Am Ende dieser Übung verfügt jeder Teilnehmer über einen individuell angepassten Valdi und das Wissen, wie viele Seilumwicklungen für sein Körpergewicht erforderlich sind.

Natürlich könnte das Problem auch mit Tibloc samt Bandschlinge gelöst werden, aber bis gestern hatten wir Kursteilnehmer nur eine vage Vorstellung von dessen Einsatz. Schließlich gibt es meist eine Vielzahl von Ansätzen, ein bestimmtes Problem anzugehen bzw. zu lösen. Das zu vermitteln, liegt unseren beiden Guides, Lukas und Manfred, sehr am Herzen. Gestern im Klettergarten zeigten sie uns die Methoden, mit denen sie selber gute Erfahrungen gemacht haben. Möglichst einfach sollen sie sein, so dass sie auch unter Stress gut anzuwenden sind. Ihrer Meinung nach lassen sich viele kritische Situationen durch zwei ganz einfache Regeln vermeiden: Bei aquatischen Abseilern das Einfachseil auf jeden Fall lösbar einhängen und ablängen, und beim Abseilen am Doppelseil sollte die Person, die zuletzt runterseilt immer ein Seil bei sich haben, das mindestens über die Länge dieser Abseilstrecke verfügt. So kann jederzeit rasch von oben Hilfe geleistet werden. Eigentlich weiß ich das ja alles, aber daran halte ich mich lange noch nicht. Vor allem in größeren Gruppen, bei Zeitmangel, mit unbekannten Teamkollegen, oder wenn man an schon eingerichtete Abseilstellen kommt, werden diese Techniken oft vernachlässigt. Diejenigen Kursteilnehmer, die im vergangenen Jahr beim Internationalen Canyoningtreffen in Morbegno dabei waren, kennen dieses Problem.

„hintersicherter“ Achter

Der nächste Teil der Aktion gestaltet sich um einiges schwieriger: Aufstieg am Seil mit ShuntUnterstützung. Routiniert demonstriert Manfred das Ganze. Wir anderen verzweifeln bei dem Versuch, das herunter hängende Seil als Trittschlinge zu benutzen und gleichzeitig unser Körpergewicht nach oben zu stemmen. No way! Abhilfe bringt eine Prusikschlinge mit Karabinerklemmknoten. Erfreut kann ich nun vorführen, dass meine antiquierten Prusiks, deren Verwendung in der Materialkunde am Vortag hinterfragt wurde, in solchen Fällen gute Dienste leisten können.

Kurze Zeit später auf dem Weg zur ersten Abseilstelle kämpfen Manfred und ich uns den supersteilen, rutschigen Waldhang hoch. Von Kälte keine Rede mehr. Schnell sind zwei geeignete Bäume gefunden und ein Flaschenzug mit zweifacher Umlenkung aufgebaut: ein Verletzter braucht Unterstützung beim Notausstieg aus der Schlucht durch unwegsames Gelände. Zu seiner Bergung setzen wir unser eigenes Körpergewicht ein: Während wir den Hang hinunter laufen, wird die hilfsbedürftige Person langsam den Hang hinauf gezogen. Geht besser als gedacht! Manfreds Seilrolle mit Rücklaufsperre, eine Mini-Traxion von Petzl, erleichtert die Arbeit ungemein. Mittlerweile geht’s dem Verletzten so schlecht, dass beim Aufstieg eine zweite Person an seiner Seite sein muss, um ihn zu stützen bzw. gut zuzureden. Außerdem ist das Gelände nun so beschaffen, dass ein Hinunterlaufen als Gegengewicht nicht möglich ist. Zu zweit zerren wir mit aller Kraft am Seil, rein gar nichts rührt sich - außer den Beschwerden unserer zwei Schwergewichte, denen es definitiv zu langsam vorwärts geht.

Unsere Suche nach versteckten Seilrollen in
herumliegenden Schleifsäcken bringt den gewünschten Erfolg: Die Mini-Trax, eine doppelte und zwei einfache Rollen werden verbaut. Thomas und Manni ziehen mit vereinten Kräften, ich kann mich davor drücken indem ich die Aufgabe übernehme, den Shunt nachzusetzen. Als unsere zwei Brocken munter plaudernd und völlig entspannt bei uns ankommen, liegen wir schon längst mit hochroten Köpfen im Unterholz. Tim leistet uns dabei Gesellschaft - er ist den ganzen Abhang zu uns heraufgeshuntet.

So hingen wir abwechselnd in den Seilen, fixierten oder lösten Schleifknoten, ließen uns hochziehen, genossen die Sonne und die gute Stimmung, hörten Lob oder Verbesserungsvorschläge. Wir bauten mit rauchenden Köpfen ein, zerrten mit vereinten Kräften am Flaschenzug und versuchten, den Standplatz immer schön aufgeräumt und übersichtlich zu halten, wie es uns gezeigt worden war. Als Belohnung gab’s dann noch eine Seilbahn vom Standplatz zum Brotzeitplatz. Das Geheimnis des Laurenzi-Knotens wurde dabei gelüftet, wobei sich das Lösen des Knotens trickreicher erwies, als der Knoten selber.

Die Schleifsäcke werden wieder geschultert und weiter geht’s zur ersten Stufe. Obwohl meine Körpertemperatur geradewegs nach einem Bad in der Kobelache schreit, winke ich sofort ab, als ich den Rücklauf sehe. Manfred erklärt uns die Strömungsverhältnisse und die Hilfsmöglichkeiten, solch ein Hindernis sicher zu überwinden. Thomas und Manni stürzen sich unerschrocken die Rutsche herunter ins Becken. Manfred hält den Wurfsack, wir übrigen halten lediglich die Luft an. Dann ist doch alles halb so wild: Vollkommen unspektakulär tauchen beide außerhalb des Rücklaufs wieder auf und setzen ihren Weg durchs Wasser fort. Am ersten hohen Abseiler treffen sich alle wieder. Es folgt eine Lagebesprechung mit Aufgabenverteilung. Zwei Teams werden auf die beiden Standplätze verteilt. Für Tim und mich heißt es: „Seilgeländer zum Stand einrichten, mit demselben Seil die Abseilstelle mit Einfachseil so einrichten, dass der Abseilende von oben abgelassen werden kann um das Seil genau abzulängen. Dabei soll für den Notfall alles für einen Flaschenzug vorbereitet sein und der Abseilende soll die sogenannte „second-chance-Methode“ anwenden. Gestern im Klettergarten hatten wir das alles ausführlich geübt. Zuerst zeigte Manfred uns schrittweise den Aufbau und den Ablauf der Aktion, dann bekamen wir in Zweier-Teams die Aufgabe, die ganze Sache nachzubauen und am Teamkollegen zu demonstrieren, dass die Konstruktion auch zuverlässig funktioniert. Manfred pendelte zwischen Standplatz und abseilender Person hin und her um das Ganze zu überwachen, Tipps zu geben, Fragen zu beantworten und bei Pannen zu helfen. Als tückisch erwies sich die Lage des lösbaren Achters am Haken. Kümmerte man sich nicht im Voraus darum, dass der Seilverlauf geradlinig war, hatte man unter Belastung Probleme, das eingeklemmte Seil nachzulassen. Auch Shunt und Tibloc wurden etliche Male verkehrt herum eingehängt, ein kurzer Check jedoch brachte diese Fehler sofort zu Tage. Zwischendrin turnte Ingo herum, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die ganze Sache für eine Foto-Dokumentation auf den DCV-Sicherheitsseiten festzuhalten. Auch er stand mit Rat und Tat zur Seite.

„hintersicherter“ Doppelachter

Jetzt, da oben, mit viel Wasser in der Kobelache, einem Mordsgetöse in den Ohren und einem fetten Wasserfall unterm Hintern, fühlt sich alles ganz anders an. Wie weggeblasen ist das, was gestern fast schon Routine war. Zum Glück fällt mir noch die Selbstseilrolle ein, um das Geländer zu bauen. Äußerst umständlich fixiere ich das Seil an der

Kette und krame ewig nach dem Seilende im
Schleifsack herum. Nur aus Versehen kein Material herunterfallen lassen! Thomas ruft mir mehrmals etwas zu, was ich aufgrund des Lärmpegels nicht verstehe. Manfred macht mir Stress, indem er auf seine imaginäre Armbanduhr zeigt: „Jetzt reicht´s mir langsam! Mir ist schon klar, dass nicht wirklich was vorwärts geht, aber so bringt ihr mich auch nicht weiter“.

einfach, ist es aber nicht. Der Fels ist wie Schmierseife, ein Baumverhau und eine leicht überhängende Platte müssen passiert werden. Manni stellt seine Schultern zur Verfügung und eine Trittschlinge tut ihr Übriges. Völlig verdreckt und außer Atem sammeln wir uns oben auf ein paar umgestürzten Bäumen.

Tim ist mittlerweile am Stand angekommen und hängt sich vertrauensvoll in meine Konstruktion. Bis zur Kante lasse ich ihn ab. Bis dahin passt alles. Beim Einhängen des Tiblocs und Lösen des Achters vertausche ich die Reihenfolge. Mit einem Schleifknoten will ich mir helfen, werde aber von Manfred „zurückgepfiffen“. Also noch mal von vorn! Schließlich steht Tim wieder neben mir auf dem Absatz und wir treten beide den Rückzug ans sichere Ufer an. Oben dürfen wir erst mal verschnaufen, bevor Manfred uns ein detailliertes Feedback gibt. Das Lob tut gut, die Fehler spornen an. Beim nächsten Versuch läuft dann alles glatt und Manfred muss auch nicht mehr auf sein Handgelenk deuten ;-)

Unsere Guides legen immer großen Wert auf das Besprechen der vorangegangenen Aktionen. So profitieren nicht nur wir von ihrem Wissen, sondern es gibt auch ein Feedback von den Teilnehmern für ihr Konzept. Nach unseren Erfahrungen, die wir gerade im Canyon gesammelt haben, gibts besonders viel Gesprächsstoff. Alle Kursteilnehmer sind überrascht, wie groß der Unterschied zwischen den Übungen im Klettergarten und der tatsächlichen Situation im Canyon ist. Kälte, Lärm, Zeitdruck, Wasserwucht, unwirtliche Umgebung und das Wissen, dass ein Fehler ernsthafte Konsequenzen haben kann, stressen ganz gewaltig. Unter diesen Umständen souverän die erlernten Techniken einzusetzen verlangt einiges an Routine. Einhellig beschließen wir, in Zukunft bei jeder Schluchtentour unser neu erlangtes Wissen in die Praxis umzusetzen.

Laurenzi-Rücklaufsperre

Zufrieden treten wir den Rückweg zum Parkplatz an. Wir haben noch eine Verabredung mit Lukas und seiner Gruppe in der Wirtschaft am Schluchtausgang. Bei der Vorstellungsrunde am Samstagmorgen wurde sehr bald klar, dass die Canyoningerfahrungen der Kursteilnehmer ein breites Spektrum aufweisen: Von „alle zwei Jahre ein Canyon, aber ohne Seil und flussaufwärts“ über „bisher sechs Canyons, hab einfach gemacht, was mir gesagt wurde“ bis zu „bin canyonsüchtig und hänge ständig in irgendwelchen Schluchten herum“ war alles vertreten. Auch die Ausrüstung reichte vom alten Klettergurt mit Klettersteigset bis hin zum kiloweise mit Metallteilen behängten Canyongurt. Die einen konnten mit Canyoningfachbegriffen nur so um sich werfen, die anderen verstanden nur Bahnhof. Keine leichte Aufgabe für Lukas und Manfred, allen auf dem jeweiligen Niveau gerecht zu werden. Eher zufällig bildeten sich zwei hoch motivierte Vierer-Gruppen, die sich schon im Klettergarten als relativ homogen herausstellten.

Nachdem auch Manni und Patrick ausreichend mit den Tücken der gestellten Aufgabe gekämpft haben, machen wir uns an die Fortsetzung des Abstiegs. Zum Ablängen des Seils werden wir abgelassen und lösen dann unten unsere Schleifknoten, um den letzten Meter ins brodelnde Wasser zu fallen. Als der Blick nach unten frei wird, traue ich meinen Augen kaum: Mein Weg führt geradewegs in den fettesten Wasserfall hinein, den ich jemals unter mir gesehen habe. Mein Pfiff stoppt Tim beim Ablassen und ich überlege erst mal. Schließlich stoße ich mich mit den Füßen am Fels mit aller Kraft ab und lande weit draußen im weißen Blubberwasser. Manni steht schon bereit, um mich auf einen Fels in Flußmitte zu ziehen. Gemeinsam richten wir für Manfred und Thomas eine Seilbahn ein, damit die Herren im Trockenen zu uns herab schweben können. Nun steht ein Notausstieg an, da die Kobelache definitiv zu viel Wasser hat um den Abstieg fortzusetzen. Außerdem ist es schon ziemlich spät. Die Vorarlberger Guides haben an dieser Stelle eine Rinne mit einem Fixseil präpariert. Klingt ganz

Abends wurde dann diese Ordnung aufgehoben, als ein aus beiden Teams zusammengewürfelter Haufen heimatloser Canyonisten bei Carin in Lindau einfiel, um ihr Gästezimmer in Beschlag zu nehmen, ihre Wein- und Biervorräte am Ufer des Bodensees zu vernichten und morgens ihre Kaffeemaschine in Stress zu versetzen… Im Biergarten am Ausgang der Kobelache gibt es ein Wiedersehen mit Lukas und seiner Gruppe, die sich entschieden hatten, einen weiteren Tag im Klettergarten zu verbringen, um genügend Zeit und Ruhe zu haben, die Techniken vom Vortag zu vertiefen und erneut den Kampf mit den

verschiedenen Knoten aufzunehmen. Nachdem
wir erst mal den ärgsten Durst gestillt und uns gegenseitig von den Ereignissen des Tages berichtet haben, gibt es noch eine Abschlussrunde. Manfred und Lukas ernten haufenweise Lob. Gut, das Wetter hätte am Sonntagmorgen nicht ganz so grau sein müssen, aber sonst haben sie sich wirklich unglaublich engagiert und ihre nette Art im Umgang mit uns war eine echte Freude. Wir alle nehmen uns vor, im nächsten Jahr wieder dabei zu

sein. Vielleicht gibt’s ja dann auch einen Schwimmkurs für Wasserscheue, denen es beim Anblick von Prallwänden, Rückläufen und Pilzen kalt den Rücken herunter läuft. Zu guter Letzt werden noch Emailadressen ausgetauscht, um Fotos zu verschicken oder gemeinsame Touren zu planen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht steige ich ins Auto: Das war ein absolut gelungener Start in die diesjährige Canyoningsaison. Baja Hilger