Dieses Jahr ging es mal in das schöne Tirol, um genauer zu sein traf man sich in Reutte. Von einem Herbsttreffen kann kaum die Rede sein, eher einem Regentanz. Denn es regnete bereits Tage davor in einer Tour. Treffpunkt war das Gasthaus Bärenfalle, welches uns später wiederholt als wärmendes Auffanglager dienen sollte. Nach dem Eintreffen der angekündigten Canyonisten ging es erst mal in die Beratungsphase. Schließlich hat der Regen die Bäche erheblich anschwellen lassen.
Ich machte mich mit Baja und Sandra zunächst mit dem Auto auf den Weg zum Ausstieg des Sababach. Auf der uns vorliegenden Topo war von einem sichtbaren Pegel, einer Tasche, die schulterbreit zu sehen sein soll die Rede. Gleich als wir ankamen traf uns der Schlag - es waren immer noch immense Spuren des Augusthochwassers 2005 zu sehen, zwischen bewachsenem Ufer und dem steinernen Bachufer klaffte eine 2 Meter hohe Stufe, ein Holztransport-LKW war meterhoch von Kies und allen möglichen (und unmöglichen) Unrat verschüttet. Dennoch erreichten wir die Schlusskaskade - nur wo zum Teufel ist nun dieser Pegel? Eines war uns klar - der Lautstärke nach zu urteilen könnten wir uns die Suche eigentlich sparen, das Wasser ergoss sich in einem gewaltig anmutenden Strom durch die letzten engen Stufenfälle. "Oh, ich glaub ich hab ihn gefunden", sagte ich nach einigen Momenten zu meinen Begleiterinnen. Antworten wie "das ist doch nicht dein Ernst" und "wenn die Schulterbreite eines 12-Jährigen gemeint ist, passts ja…" vernahm ich sofort auf meine Feststellung. Mit einigen Fotos machten wir uns auf den Rückweg. Ich ärgerte mich ziemlich, da der Sababach als Highlite in Reutte weit über die Grenzen der Region bekannt ist.
Nach kurzer Beratung war klar - alle werden niemals mitgehen. Zum einen ist der Wasserstand vermutlich weit im kritischen Bereich und was dazukommt, niemand von uns wusste, wie der Bach das Hochwasser überstanden hatte. Also teilten wir uns auf - Baja, Ingo, Martin und ich werden den Sababach (vom Topoersteller auch "Heaven and Hell" genannt) machen, die Verbleibenden die Bärenfallklamm. Also nichts wie in Schale werfen und los. Nach knappen 40 min standen wir am Einstieg und gleich die böse Überraschung - es ist glitschig ohne Ende. Selbst die 5.10 sind dem nicht gewachsen. Und auch der genannte Einstiegspegel, ein markanter Fels, war vom Wasser überströmt. Nun gut, wir waren lediglich 4 Leute und hatten zudem gute "Extras" wie die DCV-Hilti und etliches an Sicherungsmaterial dabei. Also ging es los. Immer wieder bereitete uns die Menge an Wasser leichtere Probleme, aber wir mussten im oberen Teil nur einen Haken zur Quergangsicherung setzen. Bis zum Ende dieses Teils wäre noch jederzeit ein vorgezogener Ausstieg möglich gewesen, aber wir wollten uns diesen Bach nicht entgehen lassen. Es ging den Umständen entsprechend relativ zügig voran, schließlich wollten wir unsere Reserven nicht durch bummeln aufbrauchen. Im weiteren Verlauf kam eine sehr ausgesetzte Abseilstelle über einen dreifachen Wasserfall, der mir kurz das Blut in den Adern stocken lies. Er schlängelt sich in Form einer gewaltigen S-Kurve durch den Fels. Und die uralte Regel "mehr Krach als Wucht" mochte ich auch nicht gelten lassen. Nach 20 m Stahlseilgehangel - zum Teil freihängend über dem Zulauf zum "S" - war ich am Standplatz. Die Haken sahen gut aus, und das mussten sie. Eine Talfahrt in dieser Anordnung würde wohl geradewegs in die "Hell" führen. Gut, Martin und ich besetzten den Standplatz und richteten ein. Ich ging vor - saudumme Stelle, man musste schräg zur Fall-Linie gehen und ein Ausrutscher würde vermutlich zu einer gewaltigen Pendelfahrt führen. Mit viel Vorsicht gelang es mir (wie den übrigen) dem "Highway to Hell" fern zu bleiben. Unten angekommen wollte ich zahlreiche Videos und Bilder von der reißerischen Stelle machen, doch nach kurzem Ansatz interpretierte ich den Wasserniederschlag in meinem Gehäuse richtig - ich hab das Trageband eingeklemmt, Wasser war in mein ansonsten dichtes Gehäuse eingedrungen. Und schon funktionierten einige Tasten nicht mehr. Na klasse - jetzt wo die Höhepunkte kommen auch noch so was…(die Kamera konnte ich später zuhause mit Uhrmacherwerkzeug und Fön retten - ein Glück).
Eigentlich dachte nun jeder, dass wir über den "Berg" waren, doch wir sollten uns gewaltig irren. Am 40m Fall angekommen stellten wir unwiderruflich fest, dass der Bach tatsächlich nicht mehr seit dem Hochwasser begangen wurde. Der Kettenstand war geradezu von Holz und jeglichem Unrat verschüttet. Also zuerst mal Freiräumen. Einen Baumstamm, der in der Seillinie lag konnten wir nicht bewegen - "das gibt bestimmt Abziehprobleme", meinte Baja. Gut, mit 1 x 50m und 1 x 60m eingerichtet und ich hatte mal wieder das Vergnügen "ins Blaue zu fahren"… Unten angekommen verstand ich, was mit "Hell" und "Heaven" gemeint war. Die Hölle ist das wo ich mich in diesem Augenblick befinde. Das Wasser drischt mit einer schwer vorzustellenden Wucht erst 40 Meter in die Tiefe und zu allem Überfluss auch noch in eine Gegenwand. Unten im zugekiesen flachen Pool herrscht etwas "raues" Klima. Die Gischt lässt selbst mir den Atem stocken und es schnell bereuen, dass ich meine Neoprenhaube oben nicht angelegt habe. Der Druck des Wasserwindes ist durchaus mit einem Orkan vergleichbar, ich fühle mich über Wasser nässer als wäre ich bis zum Hals in der Suppe. Ich kann kaum den Standplatz sehen, sobald ich die Hände vorm Gesicht wegnehme verschwimmt einfach alles. Gut, ich versuche einen Weg hinter einen Felsen zu finden, ich merke, wie ich zu frieren beginne. "Düüüüüüüüüüt, Düüüüüüüt", ich konnte das Seil nicht abziehen von unten - also pfiff ich das vereinbarte Signal. Gedanken sprudeln in mir, die ich gar nicht mag. Was nun?
Doch anscheinend wurde das Problem gelöst, denn Martin macht kurz mit einem Pfiff auf sich aufmerksam. Ich war erleichtert. Nach einiger Zeit waren wir wieder versammelt und einfach jeder war etwas ernster als zuvor. Denn der weitere Verlauf wird wohl kaum freundlicher sein. Das Seil bekamen wir abgezogen und weiter gings. Gleich an der nächsten Stelle dieselbe Leier. Wieder loses Material, und dieses mal voll durchs Wasser. Zum Glück teilte sich der Strom dieses mal in ein Triangel auf, doch dies wurde durch die geringe Breite der Stelle schnell wieder ausgeglichen. Ich ging vor, und schon passierte es, beim Versuch dem Wasser möglichst lange fern zu bleiben rutschte ich an einem Glitschfeld ab und pendelte voll in den Strahl und schlug mir als Bonus für meinen Fehler auch gleich noch den Arm an. Gut, dass ich im Reflex mit der linken Hand zugriff und den Fall stoppen konnte. Unten angekommen pochte es gewaltig. Ich gab das Freizeichen und versuchte mit Zeichen anzuzeigen, was Sache ist. Die übrigen Drei konnten glücklicherweise den Fall unbeschadet überwinden. "Nun reicht es langsam", dachte ich mir, während das Wasser in feinen Tropfen von diesem gewaltigen Wind in mein Gesicht peitschte. Zum Glück ist es nun nicht mehr weit, dennoch liegt die Schlüsselstelle noch vor uns. Die Schlusskaskade. Dort angekommen mussten wir zunächst festhalten, dass der in der Topo angebotene "alternaiv" Abseilstand vermutlich nicht mal von Stefan Glowacz zu bezwingen wäre. Entweder fehlt da seit dem Hochwasser ein Fixseil oder die Felsen, über die man den Vorsprung erklettern sollte fehlen. Gut, nun war ich mal wieder am Zug - die Stelle war verdammt eng. Ein gewaltiger Krach. 2 Kurze Stufen etwa 4 und 3 Meter, aber beinahe wie ein Nadelöhr. Gut, also los - sofort wäscht mich das Wasser in den ersten Zwischengumpen, doch nun hatte ich kurz Zeit zum Verschnaufen…und weiter geht's. Diese mal konnte ich mich besser gegen das Wasser wehren und stand sehr erleichtert bis zum Sitzgurt im Wasser und blickte zu den anderen hoch. Denen hat das Spektakel wohl nicht sonderlich gut gefallen und so richtete ich eine behelfsmäßige Seilbahn ein, ein guter Standplatz war ja vorhanden. mehr schlecht als recht. Nach kurzer Zeit waren wir alle unten versammelt und blickten beim weggehen ein letztes Mal auf die "fast schulterbreite" Tasche an der oberen Stufe des Schlusswasserfalls.
An der Bärenfalle angekommen zogen wir uns erst mal um und gesellten uns zu den anderen, die von ihrer Tour bereits schon länger zurückgekommen waren und erzählten von unseren Erlebnissen. Am Abend ging's dann noch zu den Pahls zum Pizzaessen.
Am nächsten Tag war der Strindenbach im Tannheimer Tal auf der Merkliste. Doch jeder wusste, dass es wohl auch hier wieder die ganze Nacht durchgeregnet hatte. Der Gang zur Brücke am unteren Teil war eigentlich nur eine Formalität - der Bach hat sehr viel Wasser. Also was tun auf die Schnelle? Im Konvoi zurück nach Reutte, zur Bärenfalle. Es gibt nur wenige Alternativen, die leider keiner so genau kannte. Es bleib als einzige Alternative die Bärenfallklamm übrig, die Peter und seine Gruppe bereits Gestern gemacht hat. Die Tour war trotz des schlechten Wetters sehr schön - zog sich aber wegen der vielen langen Abseilstellen sehr in die Länge. Am Ende war so ziemlich jeder von der Kälte und dem Regen ziemlich mitgenommen. Zum Glück hatten wir nicht weit zur Bärenfalle, unserem wärmenden Auffanglager mit dem besten Kaiserschmarrn, den es gibt auf der Welt…
Klaus Gotthard