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DCV - Wissensbasis Canyoning

Geburtshelferkröten

Eigener Artikel

Aktualisiert:09.11.07

Alytes

Die verschiedenartigen Geburtshelferkröten sind kleine, zierliche bis gedrungene Froschlurche (Anura) von meist unauffälliger, grauer oder brauner Färbung. Ihre schlitzförmigen Pupillen stehen senkrecht und das Trommelfell hinter den Augen ist meist gut zu erkennen. Auf der Unterseite der Vorderfüße befinden sich je nach Art verschieden zwei oder drei Handballen. Ihre ungewöhnlichen Rufe sind hell klingenden Flöten-, Pfeif- oder Glockentönen sehr ähnlich. Die Tiere sind nachtaktiv.
 
Die Balz und Eiablage erfolgt von Ende März bis Juli. Dabei werden Laichschnüre mit 7 bis maximal 20 Eier abgelegt, die von den Männchen (bei allen Arten) während der Paarung an Land übernommen werden, indem sie sie mit komplizierten Bewegungen um ihre Hinterbeine bzw. Fersengelenke wickeln. Mehrere Wochen tragen sie die Eier so mit sich herum, bis sie schließlich die schlüpfenden Kaulquappen in ein zumeist stehendes Gewässer entlassen. Da diese dann schon etwas größer sind und sich ihr Wasseraufenthalt verkürzt, haben sie größere Überlebenschancen als Eier und Larven anderer Amphibien.
Durch die besondere Fortpflanzungsbiologie der Geburtshelferkröte ist sie vermutlich zu ihrem Namen gekommen.

Verbreitet sind die Kröten (außer in einem kleinen Gebiet Nordwestafrikas) vor allem im westlichen und südwestlichen Europa, dabei insbesondere auf der Iberische Halbinsel. Vertreten sind sie hier mit drei Festlandsarten sowie einer weiteren auf der Balearenhauptinsel Mallorca endemischen Art. Nur die Gemeine Geburtshelferkröte kommt auch im westlichen Mitteleuropa vor.


Mallorca-Geburtshelferkröte


Balearenkröte (span.: Sapillo balear, katal.: Ferreret)  -  Alytes muletensis

Mallorca-Geburtshelferkröte/Balerarenkröte

Mallorca-Geburtshelferkröte/Balerarenkröte

Mallorca-Geburtshelferkröte - rechts: Männchen mit Laichschnur; Fotos: © Peter Engelen 

Die kleinen Kröten sind bis zu 3,5 Zentimeter und selten bis zu 4 Zentimeter groß. Ihr Körper wirkt weniger gedrungen und kurzbeinig wie der anderer Geburtshelferkröten. Sie ähneln mehr einem zierlichen Frosch mit langen, dünnen Fingern und Zehen. Zu diesem Eindruck trägt auch die sehr viel glattere und weniger warzige Haut bei. Die Oberseite zeigt zumeist olivgrüne bis schwarze Flecken auf hellgrauem bis goldgrünlichem Grund. Die Unterseite ist weiß. Auffällig sind die stark hervortretenden Augen.

Die Geburtshelferkröten führen ein verborgenes Leben. Während die Kaulquappen im Restwasser der Gumpen „untertauchen“, verstecken sich die Erwachsenen in Gruppen von bis zu 5 Tieren unter Steinen und in Spalten der steilen Schlucht-Uferbereiche. Aktiv sind sie zumeist des Nachts. Eine Winterschlafperiode gibt es nicht. Zur Laichzeit - meistens im Mai und Juni - tragen die Männchen je sieben bis zwölf große Eier aus.

Alytes muletensis wurde erstmals 1977 aufgrund von Fossilienfunden beschrieben. Die Tiere galten zunächst als ausgestorben, bis 2 Jahre später ganz überraschend noch lebende Exemplare gefunden wurden. Die einst auf der gesamten Insel heimischen Kröten haben nur in einem eng begrenzten Gebiet (etwa 180 km²) im Nordwesten Mallorcas überlebt - an nur 12 Orten, in einem einzigen Habitat: in den niederschlagsreichen Karst-Erosionsschluchten der Serra de Tramuntana. Ihre Gesamtpopulation wird auf nur 500 bis höchstens 1500 erwachsene Tiere geschätzt.

Die weitgehende Verdrängung und Dezimierung der Tiere ist wahrscheinlich von den Römern ausgelöst worden. Vor 2000 Jahren brachten sie Schlangen mit auf die Mittelmeerinsel: die Vipernatter (Natrix maura). Die Frauen erhofften sich vom Bad mit den Nattern eine höhere Fruchtbarkeit, mit freilich fatalen Folgen für die Kröten – als willkommenes Nahrungsangebot für die Vipernattern vermehrten sich diese prächtig.

Wie es den Kröten möglich war die plötzlich einsetzende Vipernattern-Plage zu überleben, dieser Frage ging  Robin Moore von der Universität Kent nach. Untersuchungen ergaben, dass die Kaulquappen auf Ausscheidungen der Vipernatter (Natrix maura) mit Veränderungen ihres Körperbaus reagieren. In nur vier Wochen verändern die Jungtiere ihren Körper so, dass ihnen bei Gefahr eine schnelle Flucht möglich ist: sie werden schlanker und ihr Schwanz stärker und muskulöser. Wittern sie dagegen ihre Fressfeinde unmittelbar, reagieren sie mit verminderter Aktivität: Sie schwimmen nur langsam und halten sich meist in Verstecken auf. Später dann als erwachsene Kröten meiden sie Substrate, die Schlangengeruch aufweisen.

Dass die Kaulquappen auf die plötzlich Gefährdung schnell genug eine Strategie entwickeln konnten, überrascht den australischen Biologen Marc Hero nicht. Vermutlich hatte sich die Fähigkeit zur Körperanpassung schon viel früher ausgebildet. So gleiche die schlanke Variante mit dem starken Schwanz der Form von Kaulquappen, die in Flüssen leben. Wandeln sich stehende Gewässer (Gumpen, Pfützen etwa)  zu Fließgewässern, wechselten die Kaulquappen möglicherweise von der pummeligen zur schlanken Form. Den gleichen Trick nutzten sie später dann auch, um Schlangen besser entfliehen zu können, glaubt der Forscher von der Griffith-Universität in Queensland.

Ein “Wiederherstellungs”-Programm für diese vom Aussterben bedrohten Art läuft seit einigen Jahren und umfasst: eine Bestandsaufnahme der noch bestehenden Populationen, ein Habitatmanagement, Nachzucht (Jersey Zoo, Stuttgarter Naturkundemuseum, …), Wiederaussetzung, sowie Forschungen zur Genetik und Ökologie der Art.

Im Frühjahr dieses Jahres wurde ein geplantes Begehungsverbot zum Schutz der kleinen Kröte für einige mallorquinische Schluchten bekannt. Es gab starken Protest gegen diese Art simplen Verbots. Aufklärung und angepasste Einschränkungen könnten sicher eher zu akzeptablen Regelungen führen.
 
Gefährdungen und Beeinträchtigungen für Alytes muletensis sind vielfältig, nicht nur durch Fressfeinde (Vipernatter) und Nahrungskonkurrenten (Iberischer Wasserfrosch) sondern auch durch den Menschen. Ursache sind Wasserverschmutzung, das Sammeln, Tourismus und die Schafhaltung. Auch der zukünftige Fortbestand ist nicht sicher: Es droht der Verlust des eng begrenzten Lebensraumes durch den weiter anwachsenden Massentourismus auf Mallorca und die Zunahme der städtischen Bevölkerung, einhergehend mit einer steigenden Nachfrage nach dem Wasser aus den Bergen, dem einzigen Platz auf der Insel, wo es ausreichend gestaut und entnommen werden könnte. Es gibt bereits Anträge, einige der Bachschluchten aufzustauen in denen die Mallorca-Geburtshelferkröte lebt.



Autor(en) und Copyright: ReHa

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